Im Kunsthandel ist eine bislang unbekannte Ansicht Hadamars aufgetaucht. Sie zeigt den Blick auf die Stadt vom „Steinchen“ aus, einer heute nicht mehr vorhandenen Felsformation, etwa zwischen AWO-Sozialzentrum und Elbbach.
Auf dem Aquarell fließt der Elbbach breit auf den Betrachter zu. Links tränkt ein Reiter sein Pferd, rechts trocknen Wäschestücke am Ufer. Dahinter überspannt eine dreibogige Brücke den Elbbach. Dabei handelt es sich, trotz aller Ähnlichkeit, nicht um die „Alte Brücke“ zwischen Melanderplatz und Brückenvorstadt, sondern um die damalige „Schlossbrücke“. Sie wurde 1756 anstelle einer alten Holzbrücke an dieser Stelle errichtet und 1854 durch die heutige Schlossbrücke ersetzt. Über sie gelangte man zwischen dem damals noch einstöckigen Fohlenhof und der Schlossmühle in den hinteren Schlosshof, dem großen Wirtschaftshof des Schlosses. Heute ist davon nur noch der westliche Teil, das sogenannte Marstallgebäude am Schlossplatz, erhalten. Daran schließt sich das eigentliche Schloss an. Dahinter ist die Ägidienkirche zu erkennen. Rechts vom Schloss breitet sich, zum großen Teil vom Felsen verdeckt, die Stadt aus. Hier dominiert die Jesuitenniederlassung mit ihrer Kirche, der heutigen katholischen Pfarrkirche, noch ohne den Kirchturm, den sie erst 1898 erhalten hat. Vorn mündet der Faulbach in den Elbbach.
Im Mittelpunkt der Ansicht steht der Schlossbezirk, die Umgebung ist weniger deutlich ausgeführt. Links hinter der Brücke erkennt man jedoch den „Herrengarten“. Das waren die früheren Schlossgärten, in dieser Zeit Wiesen und heute Bahnhofsgelände. Auch die „Alte Chaussee“ ist zu erkennen, über die der Verkehr, damals nicht mehr als ein Pferdefuhrwerk, in Richtung Limburg lief.
Das Blatt ist signiert mit „Frdr. Schulz fec. 1818“. Friedrich Philipp Schulz wurde 1782 als Sohn des Hofgärtners in Weilburg geboren. Wie er zur Malerei kam und welche Ausbildung er genoss, ist nicht bekannt. 1817 war er Hofmaler zu Schaumburg und wurde im selben Jahr als Zeichenlehrer am Pädagogium Hadamar eingestellt. Das war die höhere Schule in Hadamar, die in der herzoglich-nassauischen Zeit das Gymnasium der Jesuiten weiterführte. Im gleichen Jahr heiratete Friedrich Schulz die Tochter eines Hofmedicus, hatte mit ihr acht Kinder und starb 1841. Sein Nachfolger wurde der Maler Joseph Scheurer und 1845 der Maler Leonhard Diefenbach, der Vater des bekannten Lebensreformers und Malers Karl Wilhelm Diefenbach.
Friedrich Schulz hat zahlreiche Ansichten aus dem Lahngebiet hinterlassen. Sie zeigen biedermeierlich romantisch vor allem Landschaften und darin eingebettet Bauten und Burgen. Darunter befinden sich auch mehrere Ansichten Hadamars. Von dem hier gezeigten Motiv gab es sogar eine weitere Ausführung, vermutlich in Öl, die im Original verschollen ist. Sein Aquarell macht deutlich, wie sehr sich Hadamar in vergleichsweise kurzer Zeit verändert hat. Der gesamt abgebildete Bereich, einst offen, ist heute dicht bebaut.
Hartmut Kuhl, Hadamar